"Du siehst mich." (1.Mose 16,13)

 

Du siehst mich nicht!

Das passt zum Portrait in unserer St. Nicolai Kirche, das die Pastorenfrau Anna Hennings zeigt. Es ist ein verstecktes Gemälde, das sich in unserem Norderschiff an der Westwand befindet. Dort sieht man auf den ersten Blick nur zwei ehrwürdige Pastorengemälde. Wenn Sie sich aber die Mühe machen, die Klappbilder umzudrehen, werden Sie Anna Hennings entdecken.

 

Du siehst mich!

Anna Hennings blickt sehr ernst, fast verhärmt aus dem Bild. „Sie sieht nicht glücklich aus,“ meint ein Jugendlicher beim Betrachten. Sie ist eine Frau, etwa Mitte 50, wirkt aber älter und von der Härte ihres Lebens gezeichnet. In der Hand hält sie das Gesangbuch, mit dem sie jeden Sonntag in unsere Kirche kam und auf der Bank nah am Altar Platz nahm, an der ihr Name bis heute an der Tür eingraviert ist.

 

Anna war Pastorenfrau. 1580 kam sie auf Oland zur Welt als Tochter des Schiffers Knuth Hansen. Mit 21 Jahren wurde sie mit Jakob Hennings verheiratet, der 10 Jahre älter war als sie. Ob sie wohl in unserer Kirche geheiratet haben? 12 Kinder brachte Anna auf die Welt: 7 Söhne und 5 Töchter, von denen nur noch drei als Erwachsene erwähnt werden. Die Kindersterblichkeit war vor 500 Jahren viel höher als heutzutage. Einer der Söhne war Henning Henningsen, der Nachfolger seines Vaters an St. Nicolai wurde.

 

Ein schweres Leben spricht aus diesen wenigen Worten. Und doch war Anna die Frau an der Seite des Mannes, der dafür gesorgt hat, dass wir in unserer Kirche einen reformatorischen Altar haben. Es ist der einzige auf Föhr. Er zeugt davon, dass Anna gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Familie der „neuen“ evangelischen Lehre Martin Luthers folgte. Reformation auf Föhr! Wie oft wird Anna unseren Altar angeschaut und meditiert haben? Wir können nur hoffen, dass er ihr Kraft, Zuversicht und Hoffnung gab, ihr Leben zu meistern.

 

Auf ihrem Grabstein, der sich in unserer Kirche vor dem Altar befindet und der inzwischen sehr abgetreten ist, stand früher einmal zu lesen: „… seiner geliebten Hausehren (= Hausfrau), der ehr und tugendreichen Matronen (= Ehefrau) Anna Hennings“ zugedacht, die nach 46 Ehejahren noch sechs Jahre als Witwe lebte und dann im Alter von 73 Jahren verstarb.

 

Du siehst mich!

 

Es lohnt sich, das Gemälde in unserer Kirche einmal umzuklappen und Anna Hennings ins Gesicht zu schauen. Über die Jahrhunderte hinweg teilen wir Lebenserfahrung miteinander. Und wir teilen den Glauben an einen Gott, der uns sieht!

 

Viel Spaß beim Suchen der Spuren von Anna in unserer Kirche wünscht Ihnen

 

Pastorin Hanna Wichmann