Lebendiger Adventskalender 2015

Auch dieses Jahr findet in der Adventszeit wieder der lebendige Adventskalender statt. Jeden Tag vom 1. Dezember bis Heilig Abend wird ein Teil einer Weihnachtsgeschichte erzählt und dazu ein gestaltetes Fenster enthüllt. Vom 1. bis 23. Dezember treffen wir uns jeweils um 17:30 Uhr am Rosenbeet in Wyk um dort gemeinsam zu singen und dann zum jeweiligen Fenster zu laufen.

An dieser Stelle werden, jeweils einen Tag später, eine Kurzfassung des Geschichtsabschnitts, ein Foto von dem jeweiligen Fenster und Angaben dazu, wo das Fenster zu finden ist veröffenlicht.


Im Mittelpunkt der diesjährigen Adventsgeschichte steht

"Ibrahim und der Stern der Weisen"

von Peter Spangenberg

 

1. Dezember

Ev. Gemeindehaus, St. Nicolaistr.10

Drei alte Männer trafen sich am breiten Fluss. Ein leiser Abendwind trieb das Wasser in kleinen Wellen vor sich her. Die drei alten Männer schwiegen.

Der mit dem weißen Haar hatte einen vollen weißen Bart. Er nannte sich Balthasar, das bedeutet. „Gott schütze sein Leben.“. Balthasar war Himmelskundler, Sternbeobachter. Er war ein gelehrter Mann. Er trug einen grünen Turban, sein Gewand war lang und rot. Seine Augen waren braun und seine Stirn war hoch. Vor allem aber: Balthasar hatte ein gutes Herz. Und er glaubte an den Sonnengott Marduk. So war der Name Gottes in dem fernen Land Babylon.

Der mit dem braunen Haar hatte einen vollen braunen Bart. Er nannte sich Melchior. Das bedeutet “König des Lichts“. Auch Melchior war Himmelskundler, also Sternbeobachter. Auch er war ein gelehrter Mann, er wusste viel und dachte viel nach. Er trug einen roten Turban, sein Gewand war lang und blau. Seine Augen waren schwarz und seine Stirn war breit. Vor allem: Auch er hatte ein gutes Herz. Auch er glaubte an Gott und vertraute auf ihn, der die Sonne und die Sterne am Himmel lenkte.

Der mit dem grauen Haar hatte einen vollen grauen Bart. Er nannte sich Caspar, das bedeutet „Schatzmeister“. Caspar stammte aus Nubien. Das verriet seine dunkle Haut. Auch Caspar war Himmelskundler, also Sternbildkenner. Auch er war ein gelehrter Mann, er sah viel und erkannte viel. Er trug einen blauen Turban, sein Gewand war lang und grün. Seine Augen waren dunkel und seine Stirn hatte viele Falten. Und vor allem: Auch er hatte ein gutes Herz. Auch er glaubte an den Gott der weiten Welt und folgte dem Rat der Sterne. Denn er glaubte, dass Gott mit ihnen alles Wichtige an den Himmel schreiben konnte. Diese drei Männer trafen sich am breiten Fluss, als der leise Wind die kleinen

Wellen vor sich herschob. Sie schwiegen. Und die kleinen Wellen sangen in der Abenddämmerung. Von der großen Stadt her drangen Geräusche an ihre Ohren, Musik und Rufe, Hundegebell und die Geräusche der späten Schiffe auf dem breiten Fluss. Die tiefstehende Sonne malte die Schatten der drei Männer auf das Wasser des Flusses. Sie schwiegen immer noch und hielten ihre Augen geschlossen. So nahmen sie nicht wahr, ... die Geschichte wird ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

2. Dezember

Johanneshaus, Rebbelstieg 49

So nahmen die drei Männer nicht wahr, dass der Junge näher gekommen war.

Ibrahim war vierzehn Jahre alt. Er hatte Sommersprossen. Ibrahim lebte bei der Großmutter am Rande der Stadt. Er liebte seine Großmutter - und er liebte auch die Art, wie sie ihm das Leben zeigte, die Wege und die Blumen, die Tiere, die Kräuter und Gewürze, die Weisheit und Geschichten seines Volkes und auch die alten Gebete. Alles, was Ibrahim wusste, wusste er von seiner Großmutter. Ibrahim trug Sandalen an seinen nackten Füßen. Seine bauschigen Hosen waren unter dem Knie gebunden. Er trug ein buntes Stirnband. Die Großmutter hatte es ihm gemacht. Die Großmutter trug ihr langes weißes Haar gescheitelt. In ihren Bewegungen war sie sanft und ihre Stimme war, wenn sie sprach, wie der breite Fluss; ruhig und voller Tiefe. Ibrahim las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, er sorgte für Holz, für frische Früchte, für Fisch und Salz und für Licht. Vor dem Einschlafen legte sie ihm stets die Hand auf den Kopf, um ihn zu segnen im Namen Gottes.

Jetzt war Ibrahim gerade auf dem Heimweg, als er … die Geschichte wird ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

3. Dezember

Grotheer, Friedrichstr. 8A

Jetzt war Ibrahim gerade auf dem Heimweg, als er die drei Männer sah. Sie schienen ihm geheimnisvoll, denn sie saßen da am breiten Fluss wie gemeißelte Figuren. Ibrahims braune Haare bewegten sich im Wind, er trat näher, er wartete, er horchte. Was willst du, mein Junge?“, fragte Balthasar in die Stille. „Ich weiß nicht“, antwortete Ibrahim verlegen. „Du kannst uns alles fragen, mein Junge.“ „Warum sitzt ihr hier und schweigt mit geschlossenen Augen?“ „Wir denken nach. Wir wollen verstehen, was am Himmel geschieht.“ Ibrahim sah nach oben. „Was geschieht denn am Himmel?“ „Da ist ein Licht, ein großes Licht.“ „Eben das wollen wir verstehen“, sagte Balthasar.

Und sie schauten alle schweigend zum Himmel. Ibrahim versuchte, die Stille zu verstehen. Er horchte und horchte in sie hinein, bis … die Geschichte wird ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

4. Dezember

Hafen Apotheke, Hafenstr. 42

„Mein Junge“, begann Melchior, „ich will dir ein Geheimnis erzählen. Was die meisten Menschen gar nicht wissen: Es gibt ein Licht am Himmel, das besonders im Frühling und im Herbst zu sehen ist. Es ist wie ein leuchtender Schleier, wie ein Teppich aus glühenden Staubkörnchen. Dieses Licht ist in mondlosen Nächten gut zu sehen, vor allem kurz vor der Morgen- und Abenddämmerung. Es ist zwar schwer zu erkennen. Doch wenn man es sieht, dann erkennt man den breiten Strahl, der vom Himmel bis auf die Erde reicht.“

„Und, mein Junge“, fügte Caspar hinzu, „wenn dann die beiden großen Sterne Jupiter und Saturn hintereinander stehen, geschieht etwas Besonderes auf Erden. So glauben wir es und so wissen wir es. “Was ist das Besondere?“, wollte Ibrahim wissen. „Die Sterne kennen unser Geschick“, sagte Caspar. „Wenn sich der mächtige Herrscherstern Jupiter mit dem strahlenden Erlöserstern Saturn am Himmel trifft, dann muss auf Erden ein neuer König geboren werden. So lesen wir es in den alten Schriften. So lesen wir es auf der uralten Keilschrifttafel von Sippar, die in unserer Gelehrtenschule aufbewahrt wird.“ „Davon hat mir die Großmutter erzählt!“, rief Ibrahim begeistert. „Das hat dir die Großmutter erzählt?“, fragte Balthasar verwundert. „Ja, sie hat mir von der Keilschrift erzählt. Ich würde sie so gern einmal sehen.“ Balthasar lächelte: “Frag die Großmutter, ob du uns besuchen darfst. Aber wir bleiben nicht mehr lange hier. Denn wir wollen aufbrechen, um den neuen König zu suchen, von dem die Sterne erzählen. Du kannst auch die Großmutter fragen, ob du uns begleiten darfst; denn wir könnten gut jemanden gebrauchen, der uns hilft.

Das ließ sich Ibrahim nicht zweimal sagen. Die Geschichte wird ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

5. Dezember

Kath. Kirche, Rebbelstieg 55

Das ließ sich Ibrahim nicht zweimal sagen. Er dankte höflich und rannte schnell nach Hause. Aufgeregt erzählte er seiner Großmutter von den drei Gelehrten und bat sie, mit ihnen auf die Reise gehen zu dürfen. Und sie stimmte zu! Aufgeregt rannte er zurück zum Fluss: Er durfte mit! Ibrahim bekam von den weisen Männern ein paar Tage Zeit, um das Gepäck kennenzulernen, um sich an die Kamele zu gewöhnen, um die Reiseroute zu begreifen, um für Verpflegung und Wasser zu sorgen. So konnte er immer in der Nähe der drei Männer sein. Denn er hatte sie inzwischen richtig lieb gewonnen. An zwei Abenden hatten sie ihm auch das Licht am Himmel gezeigt. Es war wirklich zunächst gar nicht so leicht, es zu erkennen. Nachdem Ibrahim es aber einmal gefunden hatte, suchte er es immer wieder mit den Augen. Er wollte so gerne sein Geheimnis begreifen. „Ibrahim!“ Balthasar war unbemerkt zu ihm getreten. „Der Weg ist weit. Wir werden viel Zeit haben, um dir alles zu erklären.“ Der Junge wurde rot vor Freude und Glück.

Bald würde es Zeit sein, aufzubrechen. Die Geschichte wird ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

6. Dezember

Bäckerei Hansen, Mittelstr. 1

Bald würde es Zeit sein, aufzubrechen. „Hier ist jemand, der sich von dir verabschieden will“, sagte Caspar. Ibrahim wandte sich um: Da stand seine Großmutter. Ihr gescheiteltes weißes Haar glänzte silbern. Sie trat näher und legte Ibrahim eine Kette in die Hand. An der Kette befand sich ein Ring. Auf dem Ring befand sich eine Gravur, die eine Zeder zeigte. „Großvater trug den Ring. Aber deine Finger sind noch zu dünn“, sagte sie. “Und die Zeder“, fügte sie hinzu, „soll dir ein Talisman sein. Mit ihr ist eine alte Geschichte verbunden Lass sie dir von den weisen Männern erzählen, wenn ihr unterwegs seid.“ Dann streichelte sie ihm über den Kopf, küsste ihn auf die Stirn, sprach einen leisen Segen, wandte sich um und ging. Ibrahim sah ihr nach. Er war traurig, seine Großmutter nun für lange Zeit nicht zu sehen – auch wenn er sich sehr auf die Reise freute.

Er stand noch lange da und sah seiner Großmutter nach, dann wandte er sich um und … Die Geschichte wird noch ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

7. Dezember

Ev. Kindergarten, St. Nicolaistr. 12

Tagelang hatte Ibrahim die Geschirre der Reittiere gefettet und auf Hochglanz gebracht. Schließlich sollten sie ja seinen drei Vätern, wie er sie heimlich nannte, alle Ehre machen. Er selbst hatte einen schönen großen Esel zugewiesen bekommen. Das war ihm recht, denn er hatte noch nie auf einem Kamel gesessen. Außerdem gehörten zu ihrer kleinen Karawane noch zwei Lastesel. Sie sollten die Taschen mit der Kleidung tragen, dazu die Wasserschläuche und die Essensvorräte, auch das Futter für die Tiere. Dann war da noch die Kiste mit den Geschenken, aber Ibrahim erfuhr nichts über den Inhalt. Er hatte sich gewundert, als Balthasar darauf bestanden hatte, dass die Kiste mit den Geschenken und die Tasche mit den Beobachtungsgeräten an seinem Reittier verzurrt wurden. Warum nur? Er war neugierig, sagte aber kein Wort. So begaben sie sich in die letzte Nacht vor dem Aufbruch. Ibrahim schlief tief und gut und träumte ein wenig vom Abenteuer der langen Reise.

Lange vor Sonnenaufgang ritten sie in Sippar los, dem Ort der Gelehrtenschule. Wieder sang ein kleiner Wind sein Lied und schob die Wellen des breiten, behäbigen Flusses vor sich her. „Sagt mir, würdiger Vater“, hatte sich Ibrahim kurz vor dem Aufbruch an Caspar gewandt, „Welche Bedeutung hat die Zeder?“ Er hielt den Ring des Großvaters in der Hand. „Mein Junge“, begann Caspar, „die Zeder ist die Königin der Pflanzen. Sie hat unsere Väter reich gemacht durch ihr kostbares festes Holz, aus dem große und stabile Schiffe gebaut werden können. Darum steht sie auch für Kraft und Stärke.“ Ibrahim war begeistert. „Und ausgerechnet ich trage das an meiner Kette“, dachte er bei sich. Was hatte sich die Großmutter dabei nur gedacht?

Aber das ist eine andere Geschichte! Und die soll ein andermal erzählt werden.

8. Dezember

Eiluun Feer Skuul, Rebbelstieg

Sie ritten nach Osten, geradezu in die aufgehende Sonne hinein. Seit einigen Tagen waren sie nun schon unterwegs. Doch sie zählten die Tage eher nach den Abenden und Nächten, an denen die Weisen den Stern sehen konnten. Denn die weisen Männer brauchten das Licht am Himmel, um den Weg zu finden und die weitere Reise zu planen. Ibrahim liebte es, den abendlichen Gesprächen der Weisen zuzuhören und staunte immer wieder über sie. „Ich weiß zu wenig vom Himmel“, sagte Balthasar eines Tages. „Himmel“, meinte Melchior, „Himmel ist alles.“ „Himmel kann nicht alles sein“, widersprach Caspar. „Auch der Himmel hat seine Grenzen. Was Grenzen hat, kann nicht alles sein.“ „Was meinst du denn mit, Himmel`?“, fragte Balthasar. „Himmel ist das, was wir über uns sehen“, sagte Melchior. „Was sehen wir denn?“, fragte Caspar. „Ein paar Sterne, ihre Bilder, die Milchstraße und den Mond und tagsüber die Sonne oder ein paar Wolken. Soll das der ganze Himmel sein?“ „Was soll es denn mehr geben?“ fragte Melchior hartnäckig. „Was wäre“, fragte Caspar dagegen, „wenn der Himmel uns ganz nahe wäre? Auch unter uns wäre? Oder gar in uns?“ „Du fragst viel“, warf Balthasar ein, „aber hast du auch Antworten?“. „Ich suche die Antworten“, erwiderte Caspar leise, „und ich weiß, dass sie in meinen Fragen verborgen sind. Also muss ich sie nur noch entdecken.“ Etwas lauter sagte er: „Viele Dinge werden uns wohl immer Geheimnis bleiben, aber das, was davor liegt, sozusagen in Blick- und Reichweite, das können wir versuchen zu erforschen und zu verstehen. Und ich ahne, dass wir ganz bald eine gute Antwort finden.“ Damit erhob er sich. „Gute Nacht.“ „Gute Nacht“, sagten die beiden anderen. Das Feuer war herunter gebrannt, und die Männer rollten sich in ihre Decken ein. Die Tiere kauten leise. Ibrahims Esel hatte sich etwas abseits gelegt, und der Junge schmiegte sich an den Hals seines Tieres. So schlief er ein.

Die Reise wird noch ganz spannend, aber sie geht erst morgen für uns weiter.

9. Dezember

Außenwohngruppe, Achtern Die 3

Sie hatten in einer schmalen Schlucht haltgemacht. Mitten in der Nacht wachte Ibrahim plötzlich auf. Sein Schlaf war leicht, und fremde Geräusche hatten ihn gestört. Im kargen Mondlicht sah er Gestalten herumhuschen, erkannte Männer, die nichts Gutes im Schilde zu führen schienen. “Karawanenräuber!“, schoss es ihm durch den Kopf. Doch da war es auch schon geschehen. Die dunklen Gestalten fielen über die drei Männer her, fesselten sie mit wenigen Handgriffen und wandten sich dann den Tieren und den Satteltaschen zu. Ibrahim kroch geschickt zum Kamel Balthasars, schnitt die Kiste mit dem geheimnisvollen Inhalt und die Tasche mit den Beobachtungsgeräten ab und versteckte sich damit unter einem Felsvorsprung der schmalen Schlucht. Der Lärm des Lagers schlug zu ihm herüber. Dann wurde es plötzlich still. Die Männer waren verschwunden. Ibrahim ging zum Feuer und fand die Überfallenen, wie sie mit ihren Fesseln rangen. Die Tiere standen ruhig. Ibrahim befreite die drei Männer von ihren Stricken. Sie rangen nach Luft. Sie waren sehr traurig, denn die Räuber hatten sich mit einer reichen Beute davon gemacht. Da zupfte Ibrahim Balthasar am Gewand und bedeutete ihm, ihm zu folgen. Melchior und Caspar schlossen sich ihnen an. Unter dem Felsvorsprung angekommen zeigte Ibrahim seinen weisen Freunden die Kiste mit den Geschenken, die er gerettet hatte, und auch die Tasche, in der sich die wertvollen Beobachtungsgeräte befanden. Die Männer konnten es nicht fassen, zogen den Jungen an sich, dankten ihm mit bewegten Worten und legten ihm ihre Hände auf den Kopf. „Das werden wir dir nie vergessen“, sagte Balthasar. „Wir danken dir, kleiner Herr der Zedern.“ „Mehr noch“, fügte Melchior hinzu, „Wenn wir am Ziel sind, sollst du bei uns sein, wenn wir den König begrüßen.“ Caspar sagte: “Du darfst dann auch die Geschenke überreichen.“ Ibrahim strahlte, er war einfach glücklich. Es tat so gut nach all der Aufregung, dass Balthasar das gesagt hatte: das mit dem kleinen Herrn der Zedern. Er wollte gern etwas so Kostbares wie Zedern bewachen und wurde sehr stolz. Und er freute sich schon darauf, dem neugeborenen König die wertvollen Geschenke zu überreichen. So wurde es seine schönste Nacht. „Im Namen der Zeder“, flüsterte er, bevor er wieder einschlief und dachte dabei an seine Großmutter.

Morgen geht die Reise weiter.

10. Dezember 2015

Bücherei, Mittelstr. 33

In der Folgezeit schliefen sie lieber tagsüber, so gut es eben ging. Denn die Sonne brannte, und die Tiere mussten sich umstellen. Das war nicht so einfach. Wenn sie nachts eine Pause machten, um auch den Tieren eine Rast zu gönnen, dann machten sie meistens ein Feuer und erzählten Erlebnisse und Geschichten.

In einer Nacht begann Melchior: „Ibrahim, du hast uns den Ring mit der Zeder gezeigt. Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen. Oder bist du zu müde?“ „Nein, nein, ich bin nicht zu müde. Erzähl, bitte, erzähl!“ „Es ist nun bald dreitausend Jahre her. Du hast richtig gehört: dreitausend Jahre. Da herrschte in der Stadt Uruk der berühmte König Gilgamesch. Das war ein junger König, er war stark und gewandt, aber er war auch streitsüchtig, böse und brutal. Er lud oft andere Männer ein, um mit ihnen zu kämpfen. Wenn für ihn die Gefahr bestand zu verlieren, schummelte er so, dass er doch noch siegte. Gilgamesch übte seine Macht im Land mit harter Hand aus. Eigentlich hatten alle Menschen Angst vor ihm und wichen ihm aus. Im Grunde seines Herzens aber, so erzählt die alte Geschichte, suchte König Gilgamesch etwas ganz anderes: die Unsterblichkeit. Er wollte wissen, ob ein Mensch jung bleiben und ewig leben kann. Eines Tages bekam er Besuch von einem wilden Hirten. Der war auch stark, sehr stark sogar. Sofort forderte Gilgamesch ihn zum Kampf heraus. Sie kämpften, sie kämpften die ganze Nacht. Aber keiner konnte siegen. Da wurden sie gute Freunde. Eines Tages aber wurde der Hirte krank und starb bald. Gilgamesch fand keinen Trost. Er hatte noch kein Mittel zur Unsterblichkeit gefunden. Da traf er eine alte weise Wirtsfrau. Die sagte ihm, es gäbe ein Kraut, das ihn unsterblich machen könnte. Er dankte und begab sich auf die Suche. Er fand auch das Wunderkraut. Müde von der langen Suche schlief er ein.

Da nahte sich dem Schlafenden eine Schlange, witterte das Kraut und fraß es auf. Der König wachte auf, sah, was geschehen war und erkannte plötzlich: Kein Mensch ist unsterblich. Wichtig ist nur, was er in seinem Leben Gutes tut. Dieses Wissen machte ihn sehr froh. Er ging wieder in die Stadt Uruk und änderte sein Leben: Er tat nur Gutes, sorgte für die Kleinen und Armen, ließ Straßen bauen und Spielplätze, schloss Frieden mit den Nachbarn, richtete Schulen und Krankenhäuser ein, sorgte für Bildung und Handel. Und Uruk wurde berühmt für seine Schönheit und Größe, für seine neuen Bauten und für seine Menschen, die es so gut hatten. Ja, der König wurde sehr glücklich - und vor allem dankbar. Diese Geschichte, Ibrahim, ist dreitausend Jahre alt. Nun verzeih‘ uns alten Männern, wenn wir dir gestehen: Wir suchen diesen König, der nur Gutes tut. Den König, der die Menschen von der Suche nach Unsterblichkeit befreit und das wirkliche Leben schenkt. Die Ankunft dieses Königs, sie lesen wir aus dem großen Licht am Himmel, dem wir jede Nacht folgen.“ Hier brach Melchior ab, denn er sah, dass Ibrahim eingeschlafen war.

Die Geschichte bleibt spannend. Sie geht für uns morgen weiter.

11. Dezember 2015

Fam. Rashidi, St. Nicolaistr. 6

Caspar deckte das Feuer ab. Balthasar sah noch nach den Tieren, und dann legten sie sich zur Ruhe. Jeder der Männer hing noch seinen Gedanken nach. Ibrahim träumte in dieser Nacht von Gilgamesch, dem König, der Gutes tat. Es war ein schöner Traum.

Die Ruhenacht hatte allen gutgetan. Nun nutzten sie den neuen Tag für Besorgungen: Für die Tiere musste Futter herbeigeschafft, für Mensch und Tier mussten die Wasserschläuche aufgefüllt werden. Ibrahim war eifrig bei der Arbeit. Er säuberte und fettete auch die Geschirre der Tiere. Alles Nötige erstanden sie in dem kleinen Dorf, in dem sie auch Obst, Milch und frisches Brot kaufen konnten. Die drei Männer berieten sich noch einmal über ihre weitere Reise. Am späten Nachmittag aßen sie in Ruhe, da sie gen Abend aufbrechen wollten. Ibrahim ging nach dem Essen zu seinem Esel und flüsterte ihm ein Geheimnis ins Ohr, so wie er es jeden Tag tat. Am Abend bekamen die beiden Lastesel ihr Gepäck aufgeladen, die Kamele wurden bepackt. Dann saßen sie auf und ritten ruhig und doch zügig in den frühen Abend hinein. Sie hatten die Sonne im Rücken, wodurch sie ihre eigenen langen Schatten vor sich sahen. „Sieh mal, Ibrahim“, meinte Balthasar, „du folgst deinem eigenen Schatten. Meistens ist das ja umgekehrt. Aber dein Schatten gehört zu dir wie ein treuer Diener. Versuche nie, deinen Schatten abzuschütteln oder zu umgehen. Dein Schatten ist deine Spur.“ Ibrahim bemühte sich, über diese Worte nachzudenken, was ihm nicht so recht gelingen wollte. Aber er hatte ja Zeit.

Und wir haben auch Zeit, über die Worte Balthasars nachzudenken. Morgen geht die Reise für uns weiter.

12. Dezember 2015

Nord-Ostsee Sparkasse, Große Str. 5

Als es dunkel wurde, wurde die Luft angenehm kühl. Ibrahim lenkte seine Tiere neben das Kamel Balthasars. „Du willst mich etwas fragen?“, fragte der Weise. „Ja, das will ich gern, aber ich traue mich nicht“, murmelte der Junge leise. „Ich weiß, was du mich fragen willst. Du möchtest wissen, was in der geheimnisvollen Kiste ist, nicht wahr?“ „Ich weiß, dass ihr darin Geschenke aufbewahrt, die für den neugeborenen König bestimmt sind.“ „Caspar sagte, du solltest die Geschenke überreichen, wenn wir am Ziel sind“, sagte Balthasar, „Deshalb sollst du nun auch wissen, welche Geschenke es sind. Wir vertrauen dir, kleiner Herr der Zedern.“ Ibrahim freute sich. Die Weisen vertrauten ihm! Und er mochte es gerne, wenn er „kleiner Herr der Zedern“ genannt wurde. „Also, hör zu. In der Kiste befinden sich Gold, Weihrauch und Myrre“, sagte Balthasar. „Lass uns eine kleine Rast machen. Wir werden dir alles erklären.“ So hielten sie an und stiegen ab. Caspar brachte die Kiste, sie setzten sich im Kreis, Melchior öffnete sie, und Balthasar nahm das Gold in die Hand. Er hielt es hoch, gegen den Himmel, der voller Sterne war. „Ibrahim“, begann Balthasar, „Gold ist etwas sehr Wertvolles. Darum ist es auch das Symbol für Unveränderlichkeit, dafür, dass etwas Bestand hat und nicht zerstört werden kann. Gold glänzt und strahlt wie die Sonne, die immer bei uns ist und uns wärmt und der Erde ihr Leben und Wachstum schenkt. Sie sorgt für uns und ist immer da. Darum ist Gold auch das Symbol für die Liebe.“ Ibrahim hörte gespannt zu. „Warum habt ihr das Gold als Geschenk gewählt?“ „Weil wir überzeugt sind, dass im Zeichen des großen Lichts am Himmel genau der geboren wird, der die Bedeutung des Goldes erfüllen und für uns da sein wird“, antwortete Balthasar.

Gerne würde ich ja wissen, warum auch Weihrauch und Myrre in der Schatzkiste sind, aber das erfahren wir wohl erst morgen.

13. Dezember 2015

Fietis Steakhaus, Mittelstr. 9

„Und dies hier ist Weihrauch“, fügte Caspar hinzu. „Weihrauch ist ein Harz mit einem ganz besonderen Duft. Zündet man es an, steigt sein duftender Rauch in die Höhe – wie die Gebete, die zum Himmel, zu Gott steigen. Sein Duft vertreibt böse Gedanken und trägt unsere Traurigkeit genauso wie unsere Freude direkt zu Gott. Wir wollen das dem kleinen neuen König schenken, weil wir diese Kraft von ihm erhoffen. So deuten wir das große Licht am Himmel.“ „Und das hier ist Myrrhe“, sagte nun Melchior. „Der Baum, von dem dieses Harz gewonnen wird, soll an den Grenzen des Paradieses wachsen. Myrrhe hat heilende Wirkung. Priester und Könige werden mit Myrrhe gesalbt.“ „Mir wirbelt der Kopf“, sagte Ibrahim. „Ich verstehe das alles nicht so ganz.“ „Nur Geduld“, meinte Caspar, „wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“ So stiegen sie wieder auf und setzten ihren Ritt fort. „Großmutter“, dachte Ibrahim, „Großmutter, wenn du doch jetzt hier sein könntest, um mir alles zu erklären. Denn ich verstehe nichts mehr.“ Dabei nahm er den Ring mit der Zeder in die Hand und versank in Gedanken. Die Esel fanden auch so ihren Weg. Immer den Kamelen nach. Und die weisen Männer schwiegen.

Während sie ritten, wurden die Tiere immer unruhiger. Es wird spannend, aber für uns geht die Geschichte erst morgen weiter.

14. Dezember 2015

Rüm-Hart Schule, Süderstraße

Während sie ritten, wurden die Tiere immer unruhiger. Die Männer beobachteten sorgenvoll den Himmel. „Ich sehe das Licht nicht mehr“, sagte Melchior leise. „Ich sehe keinen einzigen Stern“, fügte Caspar hinzu. „Wir müssen aufpassen, dass wir unseren Weg nicht verlieren“, meinte Balthasar. „Der Tag war sehr heiß und drückend“, erinnerte Caspar. „Vielleicht gibt es ein Nachtgewitter.“ „Wir sollten schnell einen Platz finden, an dem wir zusammen mit den Tieren sicher sind“, mahnte Balthasar. „Bei Licht sahen wir doch vor uns die kleine Hügelkette“, rief Ibrahim. „Vielleicht finden wir dort Schutz.“ „Das kann nicht weit sein“, stimmte Balthasar zu. „Also los, reiten wir etwas schneller.“ Gesagt, getan, und so gut es ging, suchten sie ihren Weg. Erst war es nur ein kleiner Windhauch, den sie plötzlich spürten, aber bald schon wuchs dieser kleine Wind, wurde stärker und lauter. Die Tiere begannen zu traben. Doch noch konnte man nichts von der Hügelkette auch nur ahnen, die Nacht war tiefschwarz. Ibrahim bekam Angst. Die Esel wollten auch nicht, wie er wollte. Sie sträubten sich und blieben stehen. Die drei Männer hatten davon nichts bemerkt. Ibrahim rief ihre Namen. Aber seine Stimme drang nicht durch den Sturm der jetzt lärmte und schrie, pfiff und rauschte. Die Bäume am Rand des Karawanenweges tönten und ächzten, und mancher Ast brach von der Gewalt. Ibrahims Angst kroch ihm in die Kehle.

In dem Augenblick brach ein greller Blitz durch den finsteren Himmel. Für Sekunden war alles taghell. Dann grollte der Donner hässlich. Ibrahim hielt den Ring mit der Zeder umklammert. „Großmutter „, flüsterte er, „Großmutter, hilf mir. Bitte. Ich weiß nicht weiter.“ Wie im Traum hörte er tief in sich plötzlich die ruhige Stimme der geliebten Großmutter: „Dann steig ab und führe die Tiere.“ Ibrahim fasste neuen Mut, stieg ab und führte die Tiere. Und sie folgten ihm.

Was wird passieren? Davon hören wir morgen mehr.

15. Dezember 2015

Creativ-Werkstatt, Große Str. 22

Wieder und immer wieder zuckten die wilden Blitze durch die Dunkelheit, und der Donner wurde lauter und bedrohlicher. Nun setzte der Regen ein und fiel schwer und dicht auf die Erde. Die Tiere liefen schneller, immer schneller. Ibrahim keuchte, das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter. Die treuen Esel liefen immer weiter und folgten Ibrahim als wüssten sie, worum es ging. Es ging um Schutz. Mitten im grauenvollen Vorhang von Wasser und Lärm hielten die Esel plötzlich an. In dem Moment erkannte auch Ibrahim die Höhle im kleinen Berg. Mensch und Tiere flüchteten sich hinein. Die Bedrohung blieb draußen. Die Angst fiel ab. Der Junge und die Esel standen stumm und atmeten schwer von der Anstrengung. Dann streichelte Ibrahim seinen Esel. „Du warst wunderbar“, flüsterte er ihm ins lange Ohr. „Und auch ihr beiden seid einfach herrlich“, wandte er sich an die Lasttiere. So blieben sie über Stunden in der Höhle. Die Tiere hatten sich hingelegt, nachdem Ibrahim ihnen die Lasten und Geschirre abgenommen hatte. Und dann war auch er erschöpft eingeschlafen. In dieser Nacht träumte Ibrahim von seiner Großmutter, ihrem gütigen Gesicht, das ihm zulächelte. Als die Sonne am nächsten Morgen wieder schien, wagte sich Ibrahim aus der Höhle. Von den drei weisen Männern sah er nichts. Ibrahim sammelte trockenes Holz, das er unter dem Felsen fand, und machte ein Feuer. Er kochte sich einen Tee, aß vom Vorrat aus den Taschen, versorgte die Tiere, verzurrte die Lasten, sattelte auf, leinte die Lastesel an und sein Reittier und stieg dann selbst auf.

So ritt er los, ohne zu wissen, wohin. Es bleibt spannend. Für uns geht die Geschichte morgen weiter.

16. Dezember 2015

"Alt Wyk", Große Straße 4

So ritt Ibrahim los, ohne genau zu wissen, wohin. Er hatte im Gewitter die Orientierung verloren. Er wusste nicht, wo er die Weisen suchen sollte. Der Morgen war schön. Die Esel waren frisch, und die Morgensonne strahlte. Ibrahim aber war verzweifelt. Wie sollte er die drei Weisen finden? Da sah er, wie einige Frauen aus der nahe gelegenen Zisterne Wasser holten. Der Junge ritt näher, hielt, stieg ab, verbeugte sich etwas vor einer weißhaarigen Frau und fragte sie, ob sie zufällig drei Kamelreiter gesehen hätte. Die alte Frau schüttelte den Kopf und bedeutete ihm mit Zeichen, dass sie seine Sprache nicht sprach und ihn darum nicht verstanden hatte. Inzwischen waren alle Frauen dazugekommen, bildeten einen Kreis und warteten gespannt, wie es weiterginge, ob sie dem fremden Jungen helfen könnten. Da bückte sich Ibrahim und griff nach einem Stein. Mit dem Fuß strich er den Sand glatt. Dann malte er mit dem Stein drei Kamele hinein, auf denen die Männer saßen. Er gab sich alle Mühe. Danach sah er zu der alten Frau auf, wies mit einer Hand auf die drei Kamelreiter und zuckte mit seinen Schultern, um deutlich zu machen, dass er nicht weiterwusste. Die alte Frau hatte ihn verstanden! Sie berührte seine Schulter, wies mit einer Hand nach Süden, und mit der anderen spreizte sie vier Finger ab. Das sollte wohl die Zahl der Stunden bedeuten, die vergangen waren, seit sie die Drei gesehen hatte. Ibrahim lächelte dankbar, verbeugte sich wieder und legte zum Dank die Hände aneinander. Dann drehte er sich um, ging zu seinen Tieren und stieg auf. Zuvor hatten die Frauen ihm und seinen Tieren noch frisches Wasser gereicht.

Die kleine Karawane setzte sich in Bewegung und zog in die Richtung, die die alte Frau angedeutet hatte. Ibrahim wandte sich noch einmal zu den Frauen um und sah, wie sie lächelten und winkten. Das machte ihn froh, und er fühlte sich nicht mehr so allein. Doch den Vorsprung der Weisen würde er nicht so einfach einholen können. Dazu waren die Kamele zu schnell und die Esel zu langsam. Aber Ibrahim wollte nicht aufgeben. Und die Esel schienen zu spüren, dass sie heute schneller sein müssten als in der vergangenen Zeit. Die Landschaft wurde immer karger, trockener, steiniger. Die Tiere hatten Mühe, vorwärts zu kommen. Dazu stand die Sonne jetzt hoch und stach heiß vom Himmel. Ibrahim band sich ein Tuch vor das Gesicht. Seine Zunge war trocken, und die Augen schmerzten. Aber er musste die weisen Väter finden. Er wusste, dass sie ihn gewiss auch suchten und sich sorgten. Und sie brauchten die Vorräte, die die Lastesel trugen. Außerdem vermisste Ibrahim ihre Nähe. So ritt er weiter, obwohl er vor Hitze und Erschöpfung fast nichts mehr sah.

Wird Ibrahim Caspar, Melchior und Balthasar wiederfinden? Davon hören wir morgen. Dann geht die Geschichte weiter.

17. Dezember 2015

Föhr-Amrumer Bank, Boldixumerstr. 21

Unter einem dürren Baum machte Ibrahim schließlich Halt. Er nutzte den kleinen Schatten, den die Äste boten. Die Tiere waren dankbar. Das spürte Ibrahim. Und auch er legte sich lang auf den Rücken und schlief ein. Im Traum sah Ibrahim wieder das Gesicht seiner Großmutter: “Wach auf, mein Junge“, sagte sie im Traum zu ihm, „du musst deinen Weg machen, die drei Weisen brauchen dich.“ Ibrahim wachte auf. Er rieb sich die Augen, stand auf, sah nach der Sonne. Dann ging er zu den Tieren, stieg auf seinen Esel und der Ritt begann von Neuem. Es mochte wohl eine Stunde vergangen sein, als die Esel plötzlich stehen blieben, die Ohren aufstellten und die Nüstern blähten. Ibrahim suchte nach dem Grund – und da sah er ihn auch schon: zwei große Skorpione kreuzten mit bedrohlich aufgestelltem Stachel ihren Weg. Die Esel kannten die Gefährlichkeit dieser Tiere. Doch da geschah etwas, was der Junge nicht erwartet hatte: Sein Esel zertrat die giftige Gefahr mit zwei Huftritten. Ibrahim atmete erleichtert auf und setzte seinen Weg fort. Die Landschaft änderte sich immer mehr. Die Pflanzen wurden zahlreicher. Es wuchsen viel mehr Bäume und Gras zu beiden Seiten des Weges. Es roch nach Wasser. Die Esel spürten das, sie wurden schneller. Plötzlich war da ein Bach, und die Tiere tranken in langen Zügen. Das tat gut! Frisch gestärkt ritt Ibrahim mit seinen Tieren weiter. Der Tag neigte sich langsam.

Ibrahim hat die drei Weisen nicht wiedergefunden. Wird er sie morgen finden?

18. Dezember 2015

Fam. Both, Lüttmarsch 9

Die Sonne stand tief, als Ibrahim den Felsen erblickte und daneben den alten Baum. Er ritt langsam näher. Dann sah er auch schon die Kamele, ihr Gepäck, die Truhe mit den Geschenken – und wenig später sah er auch die drei Weisen. Sie saßen mit dem Rücken an den Felsen gelehnt und schienen zu schlafen. So stieg er ab. In dem Augenblick hörte er die Stimme Balthasars: „Endlich bist du da, mein Junge. Endlich. Wir haben dich gesucht, wir haben nach dir gerufen, wir wurden müde, wir hatten Angst um dich, große Angst. Nicht nur, weil wir dich brauchen, sondern vor allem, weil wir dich lieb gewonnen haben, Ibrahim.“ Der alte Mann stand auf, ging auf den Jungen zu und drückte ihn an sich. Wie gut das tat! Melchior und Caspar legten ihm ihre Hände auf den Kopf. Auch das tat unendlich gut. Ibrahim dachte an die Großmutter.

„Na, kleiner Herr der Zedern, wie ist es: In einer Stunde wollen wir aufbrechen, immer dem großen Licht nach bis zum Ziel, bis wir den neuen König finden. Bist du dann zum Aufbruch bereit, oder bist du zu müde?“ „Nein, nein!“, beeilte sich Ibrahim zu antworten. „Ich bin nicht zu müde. Aber die Esel brauchen Futter und Wasser. Sie haben viel geleistet.“

Als die Dunkelheit hereinbrach, … die Geschichte bleibt spannend, aber sie geht für uns erst morgen weiter.

19. Dezember 2015

Fam. Timm, St. Nicolaistr. 4a

Als die Dunkelheit hereinbrach, stiegen Ibrahim und die drei Weisen auf und folgten dem Licht, das in der sternenklaren Nacht deutlich zu sehen war. Sie kamen an einsamen Häusern vorbei, ritten durch kleine verschlafene Dörfer immer nach Süden. Gegen Morgen, als die Sonne aufging, gelangten sie in eine kleine Stadt. Nur wenige Menschen waren auf den Straßen. Die Stadt war gespenstisch leer. Die Fenster der Häuser waren verhangen, die Türen verriegelt, ein einsamer Hund streunte durch die schmutzige Straße und stöberte in Abfällen. Da sahen sie einen Bettler am Straßenrand. Er hielt eine Schale in der Hand und rief mit leiser Stimme: „Helft! Aussatz! Aussatz!“ Ibrahim staunte, als Caspar das Kamel anhielt, es zum Liegen brachte, abstieg und mit etwas Obst und einigen Geldstücken zum Bettler ging, ihm alles in den Schoß legte, sich verneigte, um dann wieder auf das Kamel zu steigen, das aufstand und langsam wieder in Gang kam. Der Junge hatte zu Hause gelernt, den Aussätzigen auszuweichen. Hier aber erlebte er, wie dieser weise Mann sich dem Kranken zuwandte, um ihm zu helfen. Das schien ihm außergewöhnlich. Ibrahim schwieg und dachte nach. „Warum hast du dich vor ihm verneigt?“, fragte er schließlich den Weisen. „Er leidet schwer“, begann Caspar, „und wird wohl nie mehr gesund werden. Viele Menschen, auch Freunde, haben sich darum von ihm abgewandt aus Angst, selbst krank zu werden. Darum ist er sehr allein. Das ist traurig. Ich wollte ihm zeigen, dass ich mit ihm fühle. Das ändert nichts an seiner Krankheit, gibt ihm aber gewiss etwas Freude und Licht in seine –Traurigkeit.“ Ibrahim schwieg. Zuweilen wurden ihm die drei Männer fast unheimlich in ihrer Freundlichkeit. Doch bei seiner Großmutter hatte er ja Ähnliches erlebt. Später, wieder zu Hause, musste er unbedingt mit ihr darüber reden. Das nahm er sich vor.

Morgen geht unsere Geschichte weiter.

20. Dezember 2015

Park a.d. Mühle

Am folgenden Tag wuschen die Reisenden ihre Wäsche und ließen sie in der Sonne trocknen. Ibrahim pflegte die Tiere, striegelte ihr Fell und säuberte die Hufe, tränkte und fütterte sie. Danach sollten sie Ruhe haben bis zum Aufbruch. Kamele und Esel hatten sich auf dem langen Weg mit seinen Hindernissen bisher tapfer gehalten. Nachmittags saßen Ibrahim und die drei Weisen am Feuer, aßen Fladenbrot mit Honig und tranken Tee. Balthasar sagte: „In den nächsten drei Tagen reiten wir durch Syrien. Das ist eine römische Provinz. Hier gilt, was der Kaiser in Rom sagt, der große Augustus. Seht euch vor, wenn Fremde uns aushorchen wollen. Die großen Städte werden wir umreiten. Für die Menschen hier sind wir Fremde. Da möchte ich nichts riskieren.“ Caspar ergänzte: „Nur Balthasar spricht die Sprache der Römer ein wenig, Melchior und ich können sie nur lesen und verstehen. Wenn wir also gefragt werden, dann lassen wir Balthasar reden. Wir sagen nicht, dass wir den neugeborenen König suchen. Wir sagen, dass wir Botschafter aus Babylon sind, die nach Jerusalem wollen zum König Herodes, um ihn nach einem großen Stern zu fragen. Damit lügen wir nicht, aber wir begeben uns auch nicht unnötig in Gefahr.“

Danach ritten sie in die Nacht. Wie sie wohl durch Syrien kommen? Die Geschichte bleibt spannend. Wir hören morgen wieder davon.

21. Dezember 2015

Fr. Fischer, Rungholtstr. 8

Danach ritten Ibrahim und die drei Weisen in die Nacht. Die Sterne funkelten, und das große Licht war wundervoll zu sehen. Sie hielten an, um es zu bestaunen. „Mein Junge“, wandte sich Balthasar an Ibrahim, „kennst du den Zusammenhang von Himmel und Erde, von Firmament und Welt?“ „Nein“, erwiderte Ibrahim, „den kenne ich nicht.“ Balthasar sagte sehr leise: „Ich glaube, es besteht ein wunderbarer Zusammenhang zwischen beiden, obwohl der Abstand unendlich scheint. Die Kräfte von Himmel und Erde, die Zeichen, die am Himmel stehen, und unser Leben hier auf der Erde – sie ergänzen und bedingen sich. Es ist wie ein gemeinsames Lied, das von vielen Stimmen gesungen wird, wenn sie sich auch mal näher und mal ferner sind. Vollständig und schön ist das Lied nur, wenn sie zusammenklingen. Gott hat Himmel und Erde einander zugeordnet und das Leben zu einer gemeinsamen Melodie verwoben. Das ist die Grundordnung der Welt. Und wenn wir ganz genau hinhören, dann hören wir etwas von diesem Gesang. Dann können wir den Zusammenhang ahnen, ein wenig vielleicht verstehen. Manches können wir sogar messen und erforschen, wie die Sterne – auch wenn wir wenig davon begreifen.“ „Quo vaditis?“ Die Stimme war hart und plötzlich. Römische Soldaten standen vor ihnen, wie aus dem Boden gewachsen. – Wohin geht ihr? Das hatte die Stimme gefragt, und ihr Helm glänzte im nächtlichen Licht. Balthasar grüßte und sagte bestimmt: „Versus Ierosolymam ad Herodem regem maximum.“ Nach Jerusalem zu Herodes, dem großen König. „Cur?“ fragte die harte Stimme. – Warum? „Quaerimus stellam praecipuam“, antwortete Balthasar. – Wir suchen einen außergewöhnlichen Stern. „Bene, Di vobiscum!“, sagte der Soldat. – Gut, die Götter seien mit euch. „Das ging ja noch mal gut!“ Balthasar atmete auf, als die Soldaten weg waren. Erleichtert ritten sie weiter.

In den folgenden sechs Nächten kamen sie durch Samaria nach Judäa. Da waren sie mitten im Reich des Königs Herodes. Auf diesem Teil ihres Ritts war nichts Ungewöhnliches passiert. Ibrahim aber hatte es genossen, dass die drei Männer ihm immer mehr von ihren Forschungen erzählten. „Du musst lernen“, hatte Balthasar in einer Nacht gesagt, „du musst lernen, mit deinem Herzen zu sehen. Denn deine Augen können dich täuschen.“ „Du musst lernen“, hatte Melchior hinzugefügt, „du musst lernen, mit deiner Seele zu hören. Denn deine Ohren können dich täuschen.“ „Du musst lernen“, hatte Caspar ergänzt, „du musst lernen, auf deine innere Stimme zu achten. Denn dein Verstand kann dich täuschen.“ Ibrahim hatte solche Sätze noch nie gehört, aber er bewahrte sie in seinem Gedächtnis wie einen kostbaren Schatz. Die drei Weisen mussten es ja wissen - denn sie hatten schon viel in den Sternen gelesen. Da dachte er wieder an die drei kostbaren Geschenke in der Kiste und war gespannt, was der neugeborene König dazu sagen würde.

22. Dezember 2015

Safterie, Föhr Sandwall 2

So kam der frühe Morgen, an dem Ibrahim und die Drei Jerusalem vor sich in der aufgehenden Sonne liegen sahen. Sie hielten an und schauten auf die alte Stadt mit ihren Mauern und Türmen, mit den Hügeln und Dächern. „Sie nennen sie die Stadt Davids, nach dem berühmten König, der einen langen Frieden für Israel brachte“, erklärte Balthasar. Ibrahim war aufgeregt: Hier sollte das Ziel sein. In der letzten Nacht hatten sie das Himmellicht ganz nahe bei Jerusalem gesehen. Was würde geschehen? Was würde der König sagen? Sie waren für ihn doch Fremde! Sie ritten durch das große Tor in der Stadtmauer. So früh am Morgen waren noch nicht viele Menschen auf der Straße. Kaum jemand achtete auf sie. Unterwegs fragten sie nach dem Palast von Herodes. Ibrahim staunte, denn Caspar wandte sich an den Mann in hebräischer Sprache. Sie bekamen Auskunft, und bald sahen sie den prächtigen Bau. Melchior gab zu bedenken: „Es ist zu früh, um beim König vorstellig zu werden. Wir wollen dort in der Herberge anhalten, um uns zu waschen und die Tiere zu versorgen. Und dann gehen wir zum König. So machten sie es, und einige Zeit später begaben sie sich zum Palast des Königs Herodes. Die Torwache befragte sie genau und führte sie dann in die Empfangshalle des Königs. Diener boten ihnen Plätze auf weichen Kissen an. Kurz darauf kam der König, setzte sich und winkte sie zu sich heran. Caspar begann zu sprechen: „Wir sind Sternforscher aus Babylon. Wir haben ein großes Licht am Himmel beobachtet. Es steht in der Verbindung von Jupiter und Saturn. Es sagt uns, dass ein neuer König geboren wird. Deswegen sind wir hier. Wir sind gekommen, um ihm zu huldigen und ihn zu beschenken. Denn so wollen es die alten Schriften. Mein König, sind wir am Ziel?“ Ibrahim bemerkte, wie Herodes erschrak und zusammen zuckte. Seine Augen veränderten sich. „Er ist böse“, durchfuhr es ihn. „Er ist sehr böse.“ „Ich habe kein Licht am Himmel gesehen“, sagte Herodes. „Ich weiß von keinem neugeborenen König.“ Aber er klatschte in seine Hände und seine Ratgeber erschienen. Er fragte sie, ob sie etwas von einem neugeborenen König wüssten. Die Ratgeber steckten die Köpfe zusammen und berieten. Nach einer Weile sagte einer der Ratgeber zu ihnen: „Es gibt eine alte Weissagung, dass in Bethlehem ein besonderes Kind zur Welt kommen soll, um das Erbe des Königs David anzutreten.“ Herodes gab sich liebenswürdig und wandte sich an die weisen Männer: „Bethlehem ist der Ort. Das sagen mir meine Ratgeber. Reitet also hin und findet diesen neuen König. Wenn ihr ihn gefunden habt, dann kommt zu mir, erzählt mir von ihm. Dann will ich selbst aufbrechen, um ihm Geschenke zu bringen und ihm zu huldigen.“ Ibrahim spürte, dass der König nichts Gutes im Schilde führte, sagte aber nichts. Herodes wünschte den drei Männern einen guten Weg, und sie zogen sich zurück. Den Mittag nutzten sie, um die Tiere zu pflegen, die Vorräte aufzufüllen und über das Ziel zu sprechen: Bethlehem. Von dem Ort hatten sie noch nicht viel gelesen oder gehört. Aber sie vertrauten dem Licht. Beim Essen in der Herberge berieten sie über den Ritt durch die Nacht. Ob Ibrahim und die drei Weisen wohl auf dem richtigen Weg sind? Morgen hören wir die Geschichte weiter.

23. Dezember 2015

Jugendkapelle, Süderstraße

Am Abend brachen sie auf, als der Stern bereits strahlend am Himmel stand. Unterwegs sprachen sie über ihren Eindruck von König Herodes. „Es war ihm peinlich“, begann Melchior, „dass er das Licht am Himmel nicht gesehen hatte. Er musste zugeben, dass er etwas nicht wusste – und das passt nicht zu einem König.“ „Nein, nein!“, meinte Caspar. „Die Frage nach dem neugeborenen König brachte ihn durcheinander. Er wurde plötzlich wach wie ein Jagdhund. Schon den Gedanken an einen künftigen neuen König konnte er nicht ertragen.“ „Ihr macht euch umsonst Gedanken“, wollte Balthasar die beiden Freunde beruhigen. „Mir fiel das alles ja auch auf, aber das war doch ganz natürlich. Außerdem kamen wir als ungebetene Gäste und störten ganz einfach.“ Nach einer kleinen Weile frage Ibrahim leise: „Darf ich etwas sagen, weise Männer?“ „Sprich nur, mein Junge“, antwortete Balthasar. „Mir fiel auf“, begann der Junge, „dass Herodes seine Faust ballte, als er vom neuen König hörte. Und mir fiel auf, dass er einem seiner Berater seltsam zuzwinkerte. In seinen Augen aber sah ich, dass er durch und durch böse ist. Großmutter sagt oft: In den Augen eines Menschen erkennst du sein Herz.“ „Wenn du recht hast, kleiner Herr der Zedern“, warf Caspar ein, „dann müssen wir uns in Acht nehmen. Kommt, treibt die Tiere an.“

Bis zum frühen Morgen hatten sie eine gute Strecke des Wegs hinter sich gebracht. Der Tag verging ohne Zwischenfälle. Wie üblich hatten sie die Tiere versorgt, die Vorräte ergänzt und die Wasserschläuche aufgefüllt. Dann hatten sie geschlafen. Ibrahim träumte vom König Herodes, von seiner Bösartigkeit und von der Gefahr, die von ihm ausging.

Nun hatten sie noch einen Ritt von drei Nächten vor sich. Bald würden sie in Bethlehem sein. Balthasar sagte: „Betlehem bedeutet Haus des Brotes. Es war der Ort, aus dem der große König David stammte.“ „Warum sagst du uns das?“, fragte Melchior. „Weil wir uns einem Dorf nähern, das eine große Geschichte hat“, fügte Balthasar hinzu, „eine Geschichte, die jetzt bald ihren Höhepunkt erlebt, wenn wir die Sterne richtig lesen. Und wir werden dabei sein, wenn es geschieht. Versteht ihr mich?“ Die Weisen nickten fröhlich. Auch Ibrahims Vorfreude wurde immer größer. Abseits vom Weg sahen sie viele Hirten, die bei ihren Herden Nachtwache hielten. „Schwerer Beruf“, meinte Melchior schmunzelnd, „aber ein wichtiger Beruf.“

Endlich kamen sie nach Betlehem………… Die Geschichte bleibt spannend, aber davon hören wir morgen in allen Gottesdiensten zur Heiligen Nacht.